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Der unerwartete Tod meines Vaters

Meine Eltern führten ein kleines Hotel in Davos. Nach der Pensionierung verkauften sie das Haus und zogen in eine Wohnung etwas abseits der grossen Hauptstrasse.

Jetzt wollte meine Mutter zum ersten Mal ihre 26 Jahre jüngere Schwester in Brasilien besuchen. Keine Frage, mein Vater – damals 69 Jahre alt - kam zu uns. Er liebte seine beiden Enkel sehr und freute sich, einige Zeit bei uns in Bern zu sein. Er begleitete die Buben auf den Spielplatz, schaute ihnen liebevoll beim Spielen zu und genoss es sichtlich.

Eines Abends rief er mich, nachdem er ins Bett gegangen war, und sagte, er habe plötzlich Schmerzen in der Brust. Ich war sofort alarmiert, denn er hatte nur noch einen Lungenflügel, und rief den Arzt an. Der hörte sich die Geschichte an und sagte, das werde wohl nicht so tragisch sein, mein Mann solle ein Medikament holen. Gesagt, getan. Nach kurzer Zeit wollte mein Vater auf die Toilette. Ich begleitete ihn, und plötzlich sackte er zusammen und war nicht mehr ansprechbar. Ich telefonierte dem Arzt nochmals. Er kam sofort, gab ihm eine Spritze und rief die Ambulanz. Während wir warteten, tat mein Vater noch einen tiefen Atemzug, und dann war es still. Der Schock war tief. Wer hätte das gedacht, mein geliebter Vater stirbt ganz plötzlich und ohne Vorwarnung!

Wie sage ich dies meiner Mutter? Ich rief in Brasilien an. Der Onkel nahm das Telefon ab und war schockiert über diese Hiobsbotschaft. Die beiden Schwestern waren unterwegs nach Iguaçu und wollten dort ein paar Tage die Natur und die gemeinsame Zeit geniessen.

Nach langem Hin und Her gelang es meiner Mutter einen Rückflug zu buchen. Unterdessen mussten wir die Überführung nach Davos und die Beerdigung organisieren. Ein langjähriger Freund meiner Eltern hatte ein Taxi- und Transportunternehmen und sagte, es sei für ihn eine Ehre, meinen Vater nach Davos zu bringen. Am gleichen Tag erhielt ich noch eine weitere traurige Nachricht: Eine Cousine meiner Mutter aus Basel war zur selben Zeit wie mein Vater gestorben. Ein riesiger Schock! Wie übermittle ich auch noch diese traurige Nachricht? Dank dieser Cousine war es für meine Mutter möglich geworden, kurz vor dem Ausbruch des Krieges von Polen in die Schweiz zu flüchten.

Auf dem Flughafen in Zürich konnte ich meine Mutter bei der Gepäckausgabe in Empfang nehmen, was heute undenkbar wäre. Mein Mann stand draussen am Fenster und winkte. Sie sah ihn und bemerkte: «Wie lieb, dass mich meine Cousine Leny am Flughafen abholt, was für ein Trost.» Ich stand wie versteinert da, wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich entschied mich für die Wahrheit und sagte: «Leny kann dich nicht abholen.» Darauf antwortete sie: «In diesem Fall ist auch sie gestorben.»

Wir fuhren zusammen nach Davos. Die Beerdigung meines Vaters fand am nächsten Tag auf dem Waldfriedhof statt. Die Kinder waren bei den anderen Grosseltern gut aufgehoben, und ich blieb noch ein paar Tage. Da erfuhr ich, dass sich mein Vater in der letzten Zeit nicht gut gefühlt und trotzdem darauf bestanden hatte, dass meine Mutter ihre Pläne nicht ändern und nach Brasilien fliegen sollte. Er hatte sie zum Flughafen begleitet und auf eine Art umarmt, die für ihn völlig fremd war. Ob er spürte, dass sie sich nach 34 gemeinsamen Jahren nicht mehr sehen würden?

Evelyne

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