Im hohen Alter ist der Tod absehbar. Oft erfahren wir davon aus den Todesanzeigen in der Zeitung. Die Angehörigen jedoch wissen nie, wann es soweit sein wird. Wird die Gotte voller Schwächen und Gebresten ihren 93. Geburtstag noch feiern können? War das vielleicht das letzte Telefon mit der 96jährigen Mutter? Dieses Abwarten kann zu Verwechslungen führen und belastend sein, wie der kurze Mailwechsel zweier Freundinnen zeigt.
Liebe Esther
Im Tagi ist eine Todesanzeige. Ich nehme an, dass es die Gotte ist, die du regelmässig besucht hast. Trotz ihres hohen Alters unerwartet gestorben? So wird es sicher auch bei uns, bzw. bei meiner Mutter sein. Ich sende dir mein herzliches Beileid und liebe Grüsse, Beatrice
Liebe Beatrice
Du bist schon die Zweite, die mir schreibt. Die erste schickte mir die Todesanzeige. Wir sind es nicht - ich kenne alle Beteiligten nicht. Meine Gotte lebt, aber voller Schwäche und Gebresten. Ich denke, auch sie stirbt plötzlich, das wünsche ich ihr auch. Aber am Dienstag ist ihr 93. Geburtstag. Da gehe ich... Danke trotzdem für deine lieben Worte, Esther
Liebe Esther
Das ist ja schon speziell. Und auch zum Glück. Diese Worte gehen mir nicht so unbedarft über die Lippen, denn unsere alten Angehörigen sind so in einer Warteschlaufe. In meinem Fall denke ich jeden Tag daran, dass es mein letztes Telefon, mein letzter Besuch bei meiner Mutter sein könnte. Ich finde das belastend. Noch schönes letztes Wochenende in Zürich und lieben Gruss von Beatrice.
Zu meinem Bezug: Meine Mutter ist 96 Jahre alt. Sie wohnt noch allein in einer Genossenschafts-Alterswohnung und kann dank guter Nachbarschaft, Spitex, Pro Senectute-Essen und uns Töchtern (der Sohn bleibt leider abwesend) noch «selbständig» leben. Es ist leider absehbar, dass es nicht mehr allzu lange so bleiben wird. Ihre Kräfte schwinden - und unsere ebenfalls.
Die Mutter ist und bleibt eine Spielerin, sie meint: «Zu 50% sterbe ich, bevor ich in ein Pflegeheim übersiedeln muss!» Natürlich wünscht sie sich das, und wir wünschen es ihr auch. Dennoch wären wir froh, wenn sie, wie einst angekündigt, spätestens mit 90 in ein Altersheim übersiedelt wäre. Die Verantwortung wird immer grösser, und wir fürchten die Entscheidung.
Beatrice
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