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Notizen über das Thema Tod und Endlichkeit

In den achtziger Jahren starben meine Grosseltern und meine Eltern. Zuerst starb mein Vater, drei Monate nach seiner Pensionierung. Ich habe mich danach sehr stark mit dem Tod beschäftigt. In dieser Zeit war ich mit meiner zweiten Tochter schwanger. Ein Jahr später starb der Grossvater. Er hatte ein erfülltes Leben hinter sich. Zwei Jahre später starb meine Mutter. Ich durfte in ihren letzten Stunden bei ihr sein. Meine Grossmutter starb zwei Jahre später. Zu Ihr hatte ich kein nahes Verhältnis.
Meine Eltern vermisste ich immer, obschon ich weiss, dass es normal ist, dass die Eltern sterben. Sie waren nicht mehr jung, aber sie starben doch zu früh und meinen Töchtern fehlten immer Grosseltern. Die Mutter meines Mannes lebte im Ausland.
Vor bald sechs Jahren starb mein Mann, drei Monate nach seiner Krankheitsdiagnose. Wir waren siebenundvierzig Jahre zusammen. Er war knapp neunundsechzig und hatte doch ein gutes Leben hinter sich (trotz aller Turbulenzen, er war ein Flüchtling). Ich war bis zuletzt bei ihm. Meine Töchter waren eine Stütze für mich, besonders die jüngere Tochter. Wir hatten ein sehr nahes Verhältnis.
Anderthalb Jahre nach meinem Mann starb meine jüngere Tochter, einen Monat nach der Krebsdiagnose. Die Heilungsaussichten waren nicht gegeben. Sie wollte mit Exit gehen. Obwohl ich selber Exit-Mitglied bin, hatte ich zuerst grosse Mühe damit. Ich verstand sie zwar, aber es ging mir alles zu schnell. Sie starb dann vor dem Exit-Termin. Ich bin noch heute dankbar dafür, dass ich die Gnade hatte, bei Ihrem Sterben dabei zu sein. Ich war bei ihrer Geburt dabei und bei ihrem Tod. Der Tod eines Kindes war für mich immer das Schlimmste, das ich mir vorstellen konnte. Das ist mir passiert und es ist wirklich das Schlimmste und wird immer präsent bleiben. Allerdings gibt es von diesem Schlimmen noch krassere Versionen (z.B. Suizid oder Mord).
Ich hatte keine Zeit, den Tod meines Mannes irgendwie zu verarbeiten, bevor der Tod meiner Tochter mich traf. Das Thema «Tod» ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft und wenn man überhaupt darüber spricht, dann nur im Zusammenhang mit alten Menschen am Ende ihrer Lebenszeit.
Die offizielle Kommunikation (vor allem 2020) im Zusammenhang mit Covid hat mich persönlich sehr geschädigt. Alle Alten wurden unisono als vulnerabel und gefährlich für die Gesellschaft (Gesundheitswesen) erklärt, ausgegrenzt und diskriminiert. Ich war immer eine selbständige, politisch aktive Frau. Jahrzehntelang wurde ich als Frau diskriminiert, aber ich konnte mich immer wehren. Als Alte fällt mir das schwer, ich wurde persönlich angegangen und für die Coronamassnahmen verantwortlich gemacht. Heute ist mein Selbstwertgefühl in dieser Gesellschaft immer noch nicht wie vorher.
Ich bin jetzt einundsiebzig und froh, dass ich gesund bin (soweit man das weiss). Ich bin dankbar dafür, dass ich meine ältere Tochter und zwei Enkelkinder habe. Aber die Trauer lauert und überfällt mich immer wieder. Auch meine eigene Endlichkeit ist mir immer bewusst.

Ruth

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