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​Der selbstbestimmte Tod meines Bruders

Mein Bruder war schon immer ein rebellischer Einzelgänger. Er verweigerte sich der in seinen Augen heuchlerischen Gesellschaft, ging früher nach Indien, konsumierte Drogen, verweigerte die Übernahme des Geschäfts des Vaters, wollte trotz seiner hohen Intelligenz lieber einfacher Arbeiter sein. Das war sehr schwer für meine Eltern. Ich versuchte zu vermitteln, verstand ihn trotz und mit seinem rebellischen Wesen. Schon früh sagte er, er wolle auf keinen Fall noch mehr Kinder in die überbevölkerte Welt setzen und nie mehr als sechzig Jahre alt werden.

Nach einer gescheiterten Ehe lebte er allein, zog sich immer mehr zurück, wurde arbeitslos und von Sozialhilfe abhängig. Das Thema Freitod war bei ihm aus rationalen Überlegungen immer präsent. Er verzweifle an der Dummheit der Menschheit, die sich selbst und ihren Planeten zerstört, sagte er. Und immer sprach er davon, sich selber das Leben zu nehmen, wenn er einmal zu alt sein würde, um selbstständig für sich sorgen zu können.

Ich bot immer wieder meine Hilfe an, um das Chaos in seiner Wohnung in Griff zu bekommen. Aber er war von seiner Einstellung, auf keinen Fall und in keiner Weise abhängig zu werden, nicht abzubringen. Ich durfte ihn mit der Zeit nicht einmal mehr besuchen, weil er sich für seine wachsende Verwahrlosung schämte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn und seinen Wunsch zu akzeptieren. Es war mir wichtig, seine Selbstbestimmung und seine Würde zu respektieren.

Am Tag vor seinem 70. Geburtstags informierte er mich am Telefon klar und ruhig, dass er am nächsten Morgen zur Geburtszeit um neun Uhr ‚auschecken’ werde. Er hatte sich mit Beruhigungsmitteln und einer hohen Dosis von Opiaten versorgt. Wir versicherten uns in diesem letzten Gespräch unserer Liebe und fanden Worte des Dankes für unser gegenseitiges Lernen aneinander und miteinander. Ich solle der Familie mitteilen, dass er voller Mitgefühl mit der Welt und den Menschen sei.

Ich hatte an diesem Tag den Vortrag von Willigis Jäger über das Sterben gehört. Er sprach davon, wir seien wie Wellen auf dem Ozean, erscheinen und vergehen, ewig verbunden und vereint im Wasser. Diese spirituelle Ebene konnte ich mit meinem Bruder teilen. Wir waren verbunden und gleichzeitig allein. Die ganze Situation war für mich völlig absurd, banal, verrückt.

Nach einer unruhigen Nacht hörten mein Mann und ich wie abgemacht pünktlich um neun Uhr dieselbe Musik, die sich mein Bruder für sein Ausscheiden ausgewählt hatte und erlebten erschüttert diesen Moment aus der Ferne mit. Um die Mittagszeit informierte ich wie abgesprochen die Polizei, mein Bruder antworte nicht auf meinen Anruf, ich hätte den Verdacht eines Selbstmordes. Eine Stunde später erreichte uns der Anruf einer SOS-Ärztin, mein Bruder hätte den Selbstmordversuch überlebt, er sei zwar beduselt, aber wach. Er weigere sich, in eine Klinik zu gehen, sie sei im ethischen Dilemma. Ich schlug vor, sofort zu kommen und ihn vorübergehend zu betreuen, bis wir eine Lösung finden würden.

Ich traf meinen Bruder in einem durch die vielen Opiate seligen Zustand an. Ich beriet mich mit der Ärztin, bis uns mein Bruder verständnislos anschaute und sagte, er gehe jetzt in die Mutter zurück, begab sich in Embryostellung und tauchte weg. Dann war ich war allein mit dem tief Schlafenden. Alle Versuche, ihn zu wecken und mit ihm über das weitere Vorgehen zu reden, scheiterten. Ich durchwachte die Nacht im Nebenzimmer, bis es gegen morgen plötzlich sonderbar still und irgendwie hell wurde im Zimmer: Er hatte aufgehört zu atmen. Ich war so froh für ihn, er hatte sein Ziel in Frieden erreicht.

Leider folgte für mich nun wegen des ausserordentlichen Todesfalls ein Spiess-rutenlauf mit Kriminalpolizei, Rechtsmedizin, Spurensicherung - die ganze Batterie wie in einem Krimi. Die sympathische Ärztin wurde verdächtigt, ihre Pflichten ver-nachlässigt zu haben, ich einer möglichen aktiven Beihilfe zur Selbsttötung. Ich musste die Wohnung verlassen, wurde den ganzen Tag immer wieder vernommen, konnte erst abends noch für fünf Minuten bei meinem Bruder sein, bevor er abgeholt wurde. Er hatte testamentarisch bestimmt, dass sein Körper nach dem Tod der Uni für Studien zur Verfügung stehen und später in einem Gemeinschaftsgrab bestattet werden sollte. Der ganze Stress mit der Polizei löste sich erst anderntags auf. Die Obduktion hatte ergeben, dass mein Bruder an einer Lungenembolie, also schliesslich eines natürlichen Todes gestorben war. Irgendwie lag wie ein Wunder über dem ganzen Geschehen, und ich bin sehr dankbar, dass es schlussendlich so ausgegangen ist.

Als ich mich nach den vielen organisatorischen Aufgaben nach Tagen zuhause am See erholte, kam mir ein Schwan entgegen und schaute mir lange direkt in die Augen. Der Name meines Bruders, der oft in Indien gereist war, heisst auf Hindi Schwan. Der Schwan vor mir drehte nach langer Zeit der Kontaktaufnahme einige Ehrenrunden mit gespreizten Flügeln, als ob er sich bedanken wollte, und flog dann in elegantem Bogen davon.

Maru

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