Während fast drei Jahrzehnten arbeitete ich als Pflegefachfrau in der Geriatrie und sah dabei die verschiedensten Menschen kommen und auch wieder gehen. In den allermeisten Fällen bedeutet gehen an diesem Ort sterben. Die Aufgabe, Menschen auf ihrem letzten Wegstück zu begleiten, empfinde ich immer wieder als Geschenk, als Geheimnis. Es kann bisweilen auch mit Zeiten grosser Unruhe verbunden sein. Das gilt es auszuhalten.
Ich will hier vom Sterben von Frau B. schreiben, das mir in lebhafter Erinnerung geblieben ist. Es fühlte sich an wie eine Art Höhepunkt oder Fülle ihres langen Lebens.
Bis einige Tage vor ihrem Tod kann sich Frau B. mit ihrem Rollator frei im Haus bewegen, braucht nur wenig Pflege und sitzt an den meisten Nachmittagen zusammen mit ihrem Besuch oder einer Mitbewohnerin auf dem Stuhl in ihrem Zimmer oder bei warmem Wetter draussen vor dem Betagtenzentrum. In armen Verhältnissen aufgewachsen, ist Frau B. eine zufriedene, sehr freundliche und in sich ruhende Person. Sie ist Witwe und Mutter von acht Kindern, Grossmutter und Urgrossmutter. Oft erzählt sie, wie sie – kaum aus der Schule entlassen – ihr erstes Geld in strenger Fabrikarbeit verdienen musste. Auch als sie verheiratet war und schon bald Mutter wurde, musste sie den knappen Lohn ihres Mannes mit Heimarbeit aufbessern.
Eines Tages fühlt sich Frau B. plötzlich nicht gut. Sie klagt über allgemeines Unwohlsein und kann vor Schwäche nicht mehr aufstehen. Das ist ganz neu für sie. Als sich ihr Zustand auch am Nachmittag nicht bessert, drückt sie auf die Klingel. Ich begebe mich in ihr Zimmer und frage, ob ich etwas für sie tun kann. Frau B. antwortet kurz und bündig: «Bitte holen Sie den Chef, ich muss mit ihm reden.» Schon bald steht der verantwortliche Leiter unserer Abteilung vor ihrem Bett. Da zückt Frau B. kurzerhand eine 10-Frankennote aus ihrem Geldbeutel und sagt: «Das gebe ich Ihnen für die Gemeinschaftskasse. Ich lebe nicht mehr lange.»
Wir wundern uns über die Klarheit von Frau B., nehmen sie jedoch ernst und informieren eine ihrer Töchter. Und nun beginnt ein eindrücklicher Sterbeprozess, ein bewusstes Abschiednehmen von ihrer ganzen Familie. Eine ihrer Töchter fragt uns, ob sie die Nacht von nun an im Zimmer ihrer Mutter verbringen dürfe. Wir finden dies sehr schön und stellen ein zusammenklappbares Bett ins Zimmer. Diese letzten Tage schlafen abwechslungsweise zwei Töchter dort. Einmal werden sie auch von einer Enkelin abgelöst.
Das Zimmer wird nun neu eingerichtet. Überflüssiges wie der Rollator wird entfernt, Blumen werden auf den Tisch gestellt. Das Foto ihres Sohnes, der noch weit entfernt in den Ferien weilt, wird auf ihren Nachttisch gestellt. So ist eine Verbindung zu ihm da, weiss doch Frau B. nicht, ob sie sich noch von ihm verabschieden kann.
Als ihre Tochter eintrifft, weist Frau B. diese an, für jede Mitarbeitende ein Taschentuch, das sie selber wunderschön umhäkelt hat, als Geschenk einzupacken. Dazu auf einem Kärtchen ihre schlichten Worte: «Danke für Ihre Pflege. Es ist nicht selbstverständlich.»
Frau B. ist zwar zwischendurch noch ansprechbar, aber zunehmend schläfrig, und schon bald abgetaucht in ihre eigene Welt. Obwohl sie sich nicht mehr mit Worten ausdrücken kann, wirkt ihr Gesicht entspannt, und sie atmet ruhig, auch wenn sich zunehmend mehr Leute in ihrem Zimmer aufhalten: Töchter, Söhne, Schwiegertöchter, Schwiegersöhne, Enkel, Enkelinnen, alle kommen nochmals vorbei, um sich von ihr zu verabschieden. «Meine Mutter hatte immer gerne Besuch und liebt auch Kinder sehr. Und genau so nehmen wir jetzt Abschied von ihr», sagt einer ihrer Söhne. Und so herrscht neben der Trauer auch eine wunderbar leichte Stimmung. Es wird nicht nur geweint, sondern auch gelacht, Gespräche werden geführt, draussen vor der Tür, aber auch im Zimmer. Und Frau B. mittendrin am Sterben. Es fühlt sich für uns Pflegende so richtig stimmig an. Der Tod wird hier nicht verdrängt, sondern bekommt seinen gebührenden Raum, ist Teil des Alltags, des Lebens ihrer grossen Familie geworden. Oft ist es auch wieder ganz still, die Tochter strickt am Bett ihrer Mutter, oder die sterbende alte Frau wird noch von einzelnen ihrer Liebsten mit sanften Gesten verabschiedet.
Als ich ein paar Stunden vor ihrem letzten Atemzug ins Zimmer trete, ist neben der Tochter auch eine Enkelin anwesend, im Kinderwagen ihr kleines Bébé. «Schauen Sie, das Leben kommt und das Leben geht,» sagt die Tochter tief bewegt zu mir. Und wir bewundern gemeinsam das zarte Kind, das prompt zu lächeln beginnt.
Was ist es, das mich am Sterben von Frau B. so berührte? Es ist ihre Klarheit, ihre Art, wie sie dazu ja sagen und sich diesem letzten Teil ihres Lebensflusses hingeben konnte.
Erika
Wir verwenden Cookies und ähnliche Technologien, um das Nutzererlebnis auf unserer Website zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies und ähnlichen Technologien zu. Mehr erfahren