Text: Barbara Bischoff
Endlich hatten wir wieder einmal eine Klassenzusammenkunft unserer Primarschule. Von ungefähr 80 Schülerinnen und Schüler kamen immerhin gut 30 alte Frauen und Männer. Es war interessant zu verfolgen, wie sich unsere Leben verändert haben.
(Fortsetzung)
Mit ca. 30 Jahren hatten wir uns zum ersten Mal getroffen. Die Hauptthemen damals waren Familie, Kinder, Beruf. Die Gespräche blieben auf einer sehr oberflächlichen Ebene.
Gut 10 Jahre später änderte sich der Fokus. Einige machten Karriere, andere wagten einen Neuanfang. Die Gespräche wurden persönlicher.
Ich realisierte, dass einige als Kinder sehr viel im elterlichen Betrieb mitarbeiten mussten: Brote austragen, in der Werkstatt helfen usw. Diese Arbeiten mussten vor den Schulaufgaben gemacht werden. Die KlassenkameradInnen hatten auch keine Unterstützung, die Eltern waren zu beschäftigt. So lernte ich einige ehemalige Gspänli ganz anders kennen.
Ungefähr in einem 15 Jahre Rhythmus trafen wir uns wieder. Es beschäftigte mich zu erfahren, dass einige Kinder in recht prekären Verhältnissen aufgewachsen waren. R erzählte mir, dass sie nicht jeden Abend genug zu essen hatten. M’s Vater war Alkoholiker.
G. wurde oft von den Eltern geschlagen. S. wuchs als uneheliches Kind bei der Grossmutter auf, die leibliche Mutter lebte mit einer neuen Familie zwei Häuser weiter entfernt. Sie durfte ihre Mutter aber nur sporadisch besuchen.
Von vielen dieser Schicksale habe ich, und wahrscheinlich viele andere, nichts gewusst. Über Schwierigkeiten in einer Familie wurde wahrscheinlich eher hinweggesehen. Ich weiss aber, dass in der Klasse von uns Kindern keine Unterschiede gemacht wurden, aus welchem Elternhaus jemand kam. Unterschiede gab es natürlich, es hatte begabtere und weniger begabte Kinder. Sicher hatten die Kinder aus einem gebildeten Elternhaus bessere Chancen. Und Schläge, die einige Lehrer verteilten, trafen vermehrt die schwachen Kinder. Wir spielten zusammen auf der Gasse, uns interessierte die Herkunft der anderen nicht.
Was mich am letzten Treffen – wir sind inzwischen alle im 77. Lebensjahr - besonders freute, dass ehemalige Gspänli, die ich als Kind als eher «dumm» erlebt hatte, ihr Leben gut gemeistert haben, obwohl die Voraussetzungen nicht optimal waren. Die Stimmung am Treffen war positiv, und viele haben sich mit ihrer nicht immer einfachen Kindheit versöhnt.
War es in meiner Kindheit besser als heute? Ich denke nicht. In einer kleineren Gemeinde gab es eher eine soziale Kontrolle. Wir hatten sicher mehr Freiheiten, was unseren Kinderalltag betraf. Wir mussten aber auch mit Konsequenzen rechnen, wenn wir uns nicht anständig benahmen. Meistens waren die Eltern über unser unkorrektes Verhalten bereits informiert, bevor wir nach Hause kamen.
Ich bin dankbar, dass ich trotzdem auf eine schöne Kindheit zurückblicken darf.
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