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«Die Prägung der Grossfamilie kam immer zum Tragen»

Die berufliche Entwicklung war Regula Blaser-Imhasly immer ein grosses Anliegen.
Die berufliche Entwicklung war Regula Blaser-Imhasly immer ein grosses Anliegen.

Text und Foto: Irmgard Bayard

Regula Blaser-Imhasly (69) war Pflegefachfrau, Berufsschullehrerin Pflege, Supervisorin, Coach und leitet Pilgerreisen. Sie ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und vierfache Grossmutter. Seit vier Jahren ist sie pensioniert und möchte nun kürzertreten, was jedoch nicht einfach ist, wie sie zugibt. Denn sie definierte sich immer über die Familie und ihr berufliches Leben.

(Fortsetzung)

«Bin ich auch okay, wenn ich nicht mehr viele spannende Projekte vorweisen kann? Darf ich dem Bedürfnis nach mehr Zeit für mich und ungeplanten Stunden Raum geben? Gelingt es mir, den Weg vom hochstrukturierten Alltag hin zu mehr Musse zu finden?» Dies sind einige Fragen, die Regula Blaser-Imhasly in letzter Zeit beschäftigen. Denn sie, die von Kindsbeinen an immer für andere da war, hat nun altersbedingt andere Bedürfnisse.

Aufgewachsen ist Regula Imhasly in einer Grossfamilie im katholisch geprägten Umfeld im Wallis. «Ich war das achte von zehn Kindern», erzählt sie. «Bis dahin brachte meine Mamma jedes Jahr ein Kind zur Welt. Lediglich die beiden letzten waren Nachzügler und wurden sechs und dann wieder sieben Jahre später geboren.» Die Eltern betrieben eine kleine Berglandwirtschaft, der Vater bekleidete verschiedene Ämter, um etwas dazu zu verdienen.

«Meine Mamma war oft erschöpft und häufig an der Grenze ihrer Kräfte. Diese Überforderung habe ich als sensibles und wohl darum pflegeleichtes Kind früh gespürt.» Dass alle mithelfen mussten, erklärte sich von selbst. Die Brüder in der Landwirtschaft, die Mädchen vorwiegend im Haushalt, oder sie mussten die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernehmen. «Während der Schulzeit haben wir in den Sommerferien gearbeitet, manchmal im Kinderheim oder in einem Hotel, um den Rummel in der Familie zu reduzieren und etwas Sackgeld zu verdienen.»

Im Dorf sei eine Grossfamilie nichts Spezielles gewesen, und rückblickend sieht sie es als Reichtum, mit vielen Geschwistern gross geworden zu sein. «Wir sind alle in gutem Kontakt. Mit zwei Schwestern besteht auch heute noch eine besonders enge Beziehung. Wir unterstützen uns gegenseitig. Zudem kommt die Familie, die in der ganzen Schweiz verstreut wohnt, immer zusammen, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt oder geholfen werden muss.»

Vom engen Dorf in die Grossstadt Paris

Im katholischen Dorf hatten der Pfarrer und der Lehrer ein Auge auf die Familien, deren Alltag wurde beobachtet. Da Regula Imhasly lernbegierig war, galt sie als Vorzeigeschülerin. Das machte sie zur Aussenseiterin und oft einsam. Dass sie die Berufswahl selbst in die Hand nehmen musste, war für sie schnell klar.

Während der Handelsschule in Brig spürte sie das Beengende der hohen Berge und der Normen der Obrigkeit des Dorfes immer mehr. «Also suchte ich mir eine Aupair-Stelle in Paris», erzählt sie von der nächsten Herausforderung in ihrem noch jungen Leben. Nun musste sie sich mit den Gepflogenheiten einer jüdischen Familie, also einer anderen Religion und Kultur, auseinandersetzen. «Die Stadt Paris selbst war mir hingegen weniger fremd und hat mir einen neuen Blick eröffnet, da ich in diesem halben Jahr schnell Kontakt zu verschiedenen anderen jungen Menschen aus der ganzen Welt fand.» Es sei eine glückliche Zeit gewesen und sehr bereichernd, findet sie.

Die Tücken des Projekts genossenschaftlich Wohnens
Zurück in der Schweiz erlernte sie ihren Wunschberuf Krankenschwester und wurde Pflegefachfrau. «Während der Lehre geriet ich in eine persönliche Entwicklungskrise.» Sie habe gemerkt, dass in ihrer Kindheit und Jugend vieles zu kurz gekommen sei, weshalb sie sich zur Verarbeitung dieser Zeit psychologische Hilfe holen musste.

Mit 19 lernte sie ihren Mann kennen. Die beiden heirateten einige Jahre später und waren bereit, eine Familie zu gründen. «Die Vorstellung, als Kleinfamilie in einem Block zu leben, war für mich sehr beengend. Da auch ihr Mann aus einer bäuerlichen Grossfamilie stammt, hatten sie, zusammen mit anderen Paaren, die Vision zum Leben in einer nachbarschaftlichen Gemeinschaft. Sie planten und realisierten eine Genossenschaftssiedlung. Zusammen mit 24 Erwachsenen und 27 Kindern zogen sie in Reihenhäuser im aargauischen Stetten ein. Dort wohnen sie heute noch heute, allerdings im Stockwerkeigentum.

Was grossartig klingt, wurde zu einer schmerzvollen Erfahrung. «Wir Bewohnenden waren überzeugt, dass wir, alle mit gleichen Werten, gleichem Bildungsniveau und ähnlichem sozialen Status sowie politischer Ausrichtung, gut zusammenleben können.» Gescheitert sind sie dann jedoch am Alltag. An Fragen nach Mittagsruhe, Ordnung, Kindererziehung, etc.. «Unsere Kinder haben es genossen, so aufzuwachsen. Wir Eltern hingegen haben uns untereinander fünf Jahre lang bekämpft.» Eine Selbstverwaltung war unter dieser Konfliktsituation kaum mehr möglich, selbst sie als ausgebildete Supervisorin erschrak über sich selbst und die Schärfe des Konflikts. Erst zwei Todesfälle noch junger Frauen trugen dazu bei, dass die Parteien wieder aufeinander zugingen. «Danach lebten wir in einem guten Umgang miteinander, respektierten einander in der jeweiligen Unterschiedlichkeit.»

Sie betrieben einen Mittagstisch, haben Spielgruppen aufgebaut und hüteten gegenseitig die Kinder. Nun kommen jüngere Familien hinzu. «Das Experiment hat sich schlussendlich doch gelohnt», ist Regula Blaser-Imhasly überzeugt.

Die Frau mit dem Koffer
Die gelernte Pflegefachfrau mit Weiterbildung als Berufsschullehrerin Pflege und mit einer Supervision- und Coachingausbildung war immer berufstätig. «Allerdings haben wir uns vor der Familiengründung viel zu wenig mit der Rollenverteilung auseinandergesetzt», weiss Regula Blaser-Imhasly im Nachhinein. «Mit der Zeit haben wir jedoch eine gute Balance gefunden, und mein Mann hat mich während meinen Weiterbildungen im In- und Ausland unterstützt», betont sie.

Ihre berufliche Entwicklung sei ihr immer ein grosses Anliegen gewesen. Allerdings hat sie bald gemerkt, dass sie eigentlich am liebsten allein arbeitet. «Im Team zu arbeiten hat eine zu grosse Anpassungsleistung gefordert.» So war es nicht verwunderlich, dass sie sich im Alter von 45 Jahren als Beraterin für Pflegefachpersonen selbständig machte und mit 54 ein Masterstudium in Palliative Care abschloss. «Die letzten 20 Berufsjahre war ich immer mit dem Koffer als Kursleiterin und Beraterin in der deutschen Schweiz unterwegs. Das war mein Markenzeichen», sagt sie und schmunzelt. Allein unterwegs zu sein bedeutete jedoch wiederum, sich selbst und ihr Können darzustellen und sich mit einem eigenen Profil von der grossen Konkurrenz abzuheben.

«Mit dem Palliative Care-Studium bin ich zu meinem Herzensthema zurückgekommen, schwerkranke Menschen zu begleiten», sagt sie. «Beim Unterricht und in der Beratung von Pflegefachpersonen war es mir wichtig, sie neben Fachkompetenz in ihrer Empathie für Patienten und Angehörige zu stärken und so für sie hilfreich zu werden.»

Als Pensionierte führt sie unter anderem mit sterbenden Menschen halbstrukturierte Interviews durch, bringt diese in deren eigener Sprache in Form und lässt die Personen so auf ihr Leben und dessen Reichtum zurückblicken – für sich selbst oder ihre Angehörigen.

Im gemeinsamen Alltag hüten sie und ihr Mann regelmässig ihre Enkelkinder und entlasten damit ihre eigenen Kinder. Regula Blaser-Imhasly bietet daneben regelmässig grenzüberschreitende Pilgerwanderung auf historisch und kulturell bedeutsamen Wegen des Landschaftsparks Binntal an, was sie wieder in ihre alte Heimat zurückführt. Auch dafür hat sie wieder eine Ausbildung absolviert, dies nach der Pensionierung.

Auf ihre Mitgliedschaft im Verein GrossmütterRevolution angesprochen, verweist sie auf den Austausch zwischen den Frauen, was sie anspricht sei die Art und Weise, wie andere Frauen ihr Alter erleben und mit der Gesellschaft verbunden sind. Dazu ist sie im RegioForum Zürich aktiv.

In ihrem ganzen Leben stand und steht der Mensch im Zentrum - oder vielleicht vor allem andere Menschen. Eine logische Folge davon sind die eingangs formulierten Gedanken. Und die Frage, ob sie eine ganz gewöhnliche Frau sein darf und kann, die sich nichts mehr beweisen muss, darf sie mit dem Rückblick auf ihr bisheriges Leben ohne Wenn und Aber mit einem Ja beantworten.

Im Landschaftspark Binntal, ihrer alten Heimat, bietet Regula Blaser-Imhasly grenzüberschreitende Pilgerwanderungen an.
Im Landschaftspark Binntal, ihrer alten Heimat, bietet Regula Blaser-Imhasly grenzüberschreitende Pilgerwanderungen an.
Dem eigenen Leben nachspüren und sich mit der Kraft alter Pfade und der Elemente verbinden.
Dem eigenen Leben nachspüren und sich mit der Kraft alter Pfade und der Elemente verbinden.

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