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Von Zauber, Besinnung und Stress in der Weihnachtszeit

Texte: Andrea Fetz, Monika Fischer, Marianne Stohler, Irmgard Bayard, Barbara Bischoff Frei

Fotos: Monika Fischer und zvg


Eindrücklich zeigen die Erinnerungen der Frauen des Teams der Frauenweis(s)heiten, wie unterschiedlich verschiedene Menschen die Advents- und Weihnachtszeit früher erlebt hatten. Was für die eine die schönste Zeit im Jahr bedeutete, ist für eine andere in der Rückblende vor allem mit Stress verbunden. Steht für eine weitere beim Erinnern die besinnliche Stunde auf dem Friedhof im Gedenken an die früh verstorbene Schwester im Zentrum, ist es für eine andere das durchgetaktete Programm im lustvollen Zusammensein der Generationen. Die Texte lösen wohl neben Schmunzeln auch persönliche Erinnerungen aus.

(Fortsetzung)

So schön wie damals wird es nie mehr.
Andrea Fetz
Jetzt, wo es früh dunkel wird, durchforste ich mein Büchergestell nach dem Buch «Gnadenbringende Weihnachtszeit» aus meiner Kindheit. Meine Mutter gestaltete damit die Vorweihnachtszeit mit uns Kindern. Jedem Kalendertag im Dezember sind mehrere Seiten gewidmet mit Rezepten, Liedern, Gedichten, Bastelvorschlägen und Geschichten, verziert mit Zeichnungen, Drucken und Fotos. Mein Lieblingsdatum darin war immer der 8. Dezember. Da ist beschrieben, wie Kerzen bunt verziert und Nüsse und Pinienzapfen vergoldet werden können. Das Gedicht vom Christkind im Walde und – das allerschönste – die Geschichte »das Weihnachtsgeschenk» von O. Henry, wo die Frau ihr schönes Haar abschneidet und verkauft, um ihrem Mann eine Kette für seine Uhr zu kaufen, und er verkauft die Uhr, um ihr einen besonders schönen Kamm zu schenken. Ich liebte diese Geschichte. Wir bespickten Orangen mit Nelken und banden ein hübsches Band darum, um sie dann Gotte, Götti und den Grossmüttern zu verschenken. Ein andermal buken wir Pfeffernüsse nach einem Rezept des Buches, und am Abend las uns die Mutter eine Geschichte daraus vor. Noch heute blättere ich gerne in diesem Buch.

Auch der Wunschzettel gehörte in diese Zeit. Wie so viele Kinder legten wir ihn vor das Fenster, wo ihn das Christkind dann mitnahm. In einem Jahr - ich war etwa Mitte Primarschule – hatte ich erkannt, dass Jungen mehr Vorteile hatten als wir Mädchen (obwohl ich keine Brüder hatte). Ich dachte: «Das kann ich auch», und wünschte mir eine Eisenbahn und einen Laubsägekasten.

Doch am schönsten war immer Heiligabend. Die Bescherung wurde vom Christkind im Wohnzimmer vorbereitet. Wir Schwestern konnten es kaum erwarten und verharrten im Korridor. Das muss ziemlich kalt gewesen sein, doch wir spürten diese Kälte nicht. Ich überlegte fortlaufend, welche meiner Wünsche erfüllt werden würden. Dann endlich ertönte das Glöcklein, welches das himmlische Kind läutete, bevor es durch das Fenster entschwand. So oft trat ich rasch ein, um noch einen Blick auf dieses sphärische Wesen zu ergattern. Dieses Glück blieb jedoch aus.

Umso überwältigender war der Anblick des hell erleuchteten Christbaums! In meiner Erinnerung ragte er bis zur Decke. Was durchaus möglich ist, denn mein Vater war ein Mann der Superlative. Unter dem Baum lagen Unmengen von Päckchen. Einmal waren drei Paar Ski an der Wand aufgereiht, die eine neue Ära in unserem Familienleben einleiteten. Es brachen die schönsten Stunden an, mit Päckli auspacken, Spiele ausprobieren und Geschenke der anderen bestaunen. Da war das Festmahl – als wir Geschwister noch klein waren– eine lästige Unterbrechung. Hingegen der Christstollen meiner Urgrossmutter, die in Dresden aufgewachsen war, wurde heiss geliebt.

Schön, dass ich mit dem Weihnachtsbuch an all diese Erinnerungen anknüpfen kann. Und dieses Jahr werde ich die Vorweihnachtszeit mit unseren jüngsten Enkeln mit diesem Buch gestalten.

PS: In besagtem Jahr lag der Laubsägekasten unter dem Weihnachtsbaum.

Vorfreude ist die schönste Freude
Monika Fischer
Als ich Mitte Oktober beobachtete, wie auf der Seebrücke in Luzern die Weihnachtsbeleuchtung installiert wurde, dachte ich mit Wehmut zurück an die Dunkelheit in der Vorweihnachtszeit in meiner Kindheit. Wie gemütlich war es doch, wenn die Mutter im Dezember jeweils am Sonntagabend zuerst eine, dann zwei, dann drei und schliesslich vier Kerzen am Adventskranz anzündete. Wir freuten uns über die Lichter und lauschten gebannt den Geschichten unserer Mutter. Oder ich denke zurück an die Rorategottesdienste früh am Morgen, wenn in der Kirche kein elektrisches Licht, nur Kerzen brannten. Die Zeit vor Weihnachten war eine Zeit der Erwartung, der Vorfreude, eine Zeit der Geheimnisse und auch des Verzichtens. Selbstverständlich legten wir die Tröpsli, die es damals bei jedem Einkauf im Laden für Kinder gab, in eine grosse Heliomaltbüchse. Wenn uns der Verzicht auf Süssigkeiten gar zu schwerfiel, überwanden meine Schwester und ich die Sehnsucht mit einem «Trick». Aus dem wenigen Taschengeld machten wir uns kleine Geschenke, meistens ein Bouchée, ein mit Schokolade überzogenes Caramel. Mit dem Gedanken «ein Geschenk muss man annehmen», genossen wir die Süssigkeit mit gutem Gewissen.

Manchmal war die Stubentüre geschlossen. Wir wussten, dass die Mutter eine Überraschung vorbereitete. Ein Weihnachtsgeschenk? Wir rätselten, was es wohl sein könnte und versuchten vergebens, dies mit einem Blick durchs Schlüsselloch herauszufinden. Unsere Vorfreude auf Weihnachten war so gross, dass wir einmal mit dem Ausruf «wir freuen uns, wir freuen uns» auf dem Bett herumhüpften – bis der Lattenrost brach.

Als wir an Heiligabend vor der geschlossenen Türe warteten, telefonierte der Vater am Wandtelefon mit dem Christkindli. «Es kommt sehr bald», vertröstete er uns. Noch heute bin ich überzeugt davon, dass ich es damals davonfliegen sah, bevor sich die Türe öffnete und ich staunend vor dem ganz in Gold geschmückten Weihnachtsbaum mit den vielen brennenden Kerzen stand.

Besinnliche Stunden auf dem Friedhof
Marianne Stohler
Meine lebhaftesten Erinnerungen an Weihnachten gelten nicht dem gemütlichen Feiern im grösseren Familienkreis, sondern dem späteren Nachmittag des 24. Dezembers. Wir zogen uns recht warm an, nahmen die vorbereiteten Kerzen und Streichhölzer und machten uns zu Fuss auf den Weg zum Friedhof.
Schon bald waren wir dort und schritten den vielen Gräbern entlang. Es herrschte Stille, und auf vielen Gräbern brannten Kerzen. Wir spazierten zum Grab meiner sehr früh verstorbenen Schwester. Dort wurden die Kerzen in ein Tannengesteck gestellt und angezündet. Ruhig blieben wir am Grab stehen, jeder in seine Gedanken, und meine Eltern in ihre Erinnerungen vertieft.

Aus der Ferne ertönten dann feine Musiktöne. Für uns Kinder waren das magische Klänge. Die Dunkelheit, die brennenden Kerzen, Menschen die schweigend vorbeizogen, um die Gräber ihrer Liebsten zu schmücken. Diese Stimmung prägte sich uns ein und erzeugte die Mischung, die für uns zu Weihnachten gehörte.

Wie jedes Jahr spazierten wir dann zum grossen Tannenbaum, der bei den Abdankungshallen aufgestellt war. Inmitten einer Menschenmenge hörten wir die vertrauten Klänge der alten Weihnachtlieder, begleitet von den Musikinstrumenten.

Dieses leise Mitsingen, zusammen mit vielen Menschen gab uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir fühlten uns geborgen und genossen die ruhige Besinnlichkeit, bevor der Pfarrer ein paar kurze Worte an die Versammelten richtete.

Noch auf dem Heimweg klangen die Töne nach und das friedliche Miteinander war der Auftakt zum gemeinsamen Feiern zu Hause in der Wärme.
Noch heute erfasst mich manchmal die Sehnsucht nach diesem stillen Auftakt vor den Weihnachtsfeiern.

Stress statt Feierlichkeit

Irmgard Bayard
Meine Erinnerungen an diese Zeit, die eigentlich festlich sein sollte, haben wenig mit der Weihnachtsgeschichte oder Religion zu tun. Wir gehörten zwar der reformierten Kirche an, aber nur auf dem Papier. Anstatt gesungen, wurden Platten aufgelegt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die wenigen Versuche von meinem vier Jahre älterer Bruder (ein musikalisches Talent) und mir (die Blockflöte misshandelnd) gemeinsam zu musizieren, kläglich scheiterten.

Wir hatten war einen Adventskranz, aber eigentlich nur, weil es «sich so gehörte». Dasselbe gilt für den Weihnachtsbaum. Als wir klein waren, guckten wir zwar voll Vorfreude durchs Schlüsselloch, um einen Blick darauf zu werfen. Aber die Bedeutung des Baums (falls es eine gibt), blieb uns und ist mir bis heute schleierhaft.

Natürlich freuten wir uns – meistens - über unsere Geschenke. Weniger Freude bereitete mir hingegen das Einkaufen für unsere Verwandten (für Papi Tabak oder eine Pfeife, fürs Mami Parfüm und fürs Grossmami jedes Jahr Eau-de-Cologne, usw.). Geschenke zu basteln scheiterte meistens an meinem nicht gerade ausgeprägten Können dafür.

Für meine Mutter war der Weihnachtstag purer Stress, stand sie doch von morgens früh bis abends spät in der Küche. Klar halfen wir beim Kügelirollen für die obligaten Pastetli mit und genossen das super feine Essen. Und natürlich habe ich mit sehr viel Freude mitgeholfen beim Guetzlibacken in den Tagen, oder sogar Wochen vor Weihnachten. Aber ob sich der Aufwand für eine halbe Stunde gemeinsames Essen wirklich lohnte?

Ja, meine Erinnerungen an die Advents- und Weihnachtszeit sind nicht feierlich. Wohl deshalb bin ich froh, diese nicht mehr feiern zu müssen.
Nur einmal war es richtig lustig: Meine Mutter, eigentlich eine begnadete Köchin, versuchte sich an einer Gans. Diese war jedoch so fett, dass wir sie nicht essen konnten. Aber so viel gelacht, wie an diesem Weihnachtstag, haben wir weder je zuvor noch danach.


Das durchgetaktete Weihnachtsfest
Barbara Bischoff Frei
Wir waren natürlich schon die ganze Adventszeit sehr aufgeregt. Am 24. Dezember gab es dann den obligatorischen Spaziergang mit unserem Vater. Mutter war mit den Vorbereitungen beschäftigt. Die Türe zur guten Stube wurde schon ein bis zwei Tage vorher geschlossen. Das erhöhte natürlich die Spannung!
Der 24. war noch bis 17 Uhr ein Abstinenztag (Fleischessen nicht erlaubt). Punkt 17:00 sassen wir versammelt am Küchentisch und warteten, bis die Turmuhr endlich schlug. Das war dann der Moment, als Mutter den Salami und das Rollschinkli anschnitt. Dazu assen wir ein Stück Zopf. Sonst gab es nichts, denn wir hatten ein «strenges» Programm für Heiligabend.

Um 17.30 läutete es endlich an der Haustüre und Grossvater kam. Das war der Moment: Die Weihnachtsfeier begann! Mit vielen Liedern mit Klavier- und Geigenbegleitung feierten wir. Natürlich immer mit einem Blick auf die Päckli.
Um 18 Uhr verliess uns Grossvater bereits wieder. Er ging zur Feier bei meinen Cousinen und Cousins.

Wir bewunderten die ausgepackten Geschenke, und wenn wir etwas Gewünschtes nicht bekommen hatten, bestand ja noch eine Chance! Denn vor 20 Uhr verliessen wir das Haus und gingen zum Hause meines Grossvaters. Dort fand die grosse Feier mit Tanten, Onkeln,Cousinen und Cousins statt. Mit noch mehr Liedern und Musizieren (meine Gotte war Musiklehrerin) feierten wir wieder, wir Kinder besonders die Geschenke.

Etwas später dislozierten wir einen Stock tiefer in die Wohnung meiner Tante. Dort gab es unser Weihnachtsessen, immer dieselben Zopf-, Fleisch- oder Käsebrötli. Für die Erwachsenen dazu Wein, für die Kinder Rivella.
Danach hatten wir Zeit zum Spielen und Plaudern bis gegen Mitternacht, wo wir zum Abschluss noch die Mitternachtsmesse besuchten.

Am Esstisch, wo früher meine Grosseltern am oberen Ende sassen, rutschten mit den Jahren zuerst unsere Eltern nach, bis auch wir am oberen Ende des Tisches Platz nahmen. Eine neue Generation löste die ältere ab.
Am Menu wurde nie etwas geändert. Der einzige Versuch einer Schwägerin, etwas Festlicheres zu kochen, misslang total. Niemand erfreute sich am Filet.
Diese Tradition haben wir noch bis vor wenigen Jahren weitergeführt. Zeitweise waren wir bis zu 32 Leute von drei Generationen vereint.

Erinnerungsbilder von drei Autorinnen
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