Text und Foto: Monika Fischer
Den Tod mitten ins Leben holen
«Hallo, Tod!» So der Titel des von der Kulturbande Zürich* organisierten interdisziplinären Kulturfestivals zum Tod, das vom 24. bis zum 27. August 2023 in Zürich bereits zum zweiten Mal durchgeführt wurde. Sein Ziel gemäss Website: «Unserer Vergänglichkeit persönlich, kreativ und mit Schöpfungskraft begegnen, da, wo unser Leben spielt. Mitten in Zürich, mitten in der Gesellschaft.» Das von Maru Stocker und Rosmarie Brunner von der AG Endlichkeit der GrossmütterRevolution geleitete Café Mortel war ausgebucht und zeigte: Es ist ein Bedürfnis, über das Sterben und den Tod zu sprechen.
(Fortsetzung)
Vor dem Besuch des Festivals war ich skeptisch. Ein Festival über Sterben und Tod? Konnte ein solcher Rahmen dem ernsten Lebensthema gerecht werden? Ich dachte zurück an die vor über 25 Jahren organisierte vierteilige Veranstaltungsreihe «Leben mit dem Tod. Reden über das, was uns sprachlos macht.» Bis zu 500 Personen hatten sich damals zu den verschiedenen Anlässen im Dorf eingefunden.
Und doch war meine Neugier geweckt. In der Grossmünster Kapelle war eine raumbreite und -hohe Wand in Quadrate eingeteilt. In jedem davon war eine kleine Kugel an einer unterschiedlich langen Plastikschnur wie an einem Pendel befestigt. Die Kugeln bewegten sich unterschiedlich schnell und erzeugten dabei ein klopfendes Geräusch. Es war faszinierend, diesem Pochen und Klopfen zuzuhören und zu beobachten, wie die eine oder andere Kugel langsamer wurde oder gar stillstand. Die Bewegungen und Geräusche erinnerten an die Herzschläge unzähliger Menschen, Zeichen des Lebens. Eine faszinierende Installation des Berner Künstlers ZIMOUN.
Im Kulturhaus Helferei weckte der Kiosk «Finally» für finale Zeiten mein Interesse. In den Abteilen der offenen Schrankwand waren Produkte und Kommunikationstools für fragile Lebensmomente ausgestellt. Zum Beispiel eine kleine, am Bügel eines Spitalbetts befestigte Tasche, in dem das Handy stets griffbereit liegt. Zu sehen waren auch ein lila Spitalnachthemd und ein Würfelspiel für Gespräche über sensible Themen. Die junge Designerin Bitten Stetter hatte die Produkte, welche die letzten Lebenstage erleichtern und Wohlbefinden auslösen sollen, aufgrund ihrer persönlichen Begleitung beim Sterben eines nahestehenden Menschen entworfen. - Im unteren Garten der Helferei lud der «Caring is Sharing Space» an verschiedenen Hörstationen dazu ein, persönlichen Geschichten und Audiobeiträgen zum Thema Care zu lauschen.
Ein geschützter Raum für persönliche Erlebnisse
Unterdessen war es Zeit fürs Café Mortel der GrossmütterRevolution. Zehn Frauen und ein Mann hatten sich dazu eingefunden. Rosmarie Brunner und Maru Stocker begrüssten die Gäste herzlich und stellten sich kurz vor. «Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.» Mit diesem Zitat von Albert Schweitzer eröffnete Rosmarie die Gesprächsrunde, während Maru die Regeln für einen sorgfältigen Umgang miteinander vorstellte. Beim Erzählen der persönlichen Erlebnisse gilt es, einander zuzuhören. Es wird erzählt, nicht diskutiert, gewertet und kommentiert. Verständigungsfragen sind erlaubt. Das Reden ist freiwillig. Schmerzhafte Erinnerungen haben ebenso Platz wie leichtere Erlebnisse. «Wir wollen voneinander profitieren durchs Erzählen und Zuhören. Alles Gehörte bleibt hier im vertrauten Raum», erklärte sie und stellte die Eingangsfrage: «Was kommt dir beim Gedanken an Sterben und Tod spontan in den Sinn?» Nachdem eine erste Teilnehmerin die Stille durchbrochen hatte und erzählte, fühlten sich auch die anderen Anwesenden nach und nach zum Sprechen ermutigt. Niemand musste. Die wohltuende Ruhe stand im Gegensatz zum gehetzten Alltag. Dies ermunterte im geschützten Raum dazu, sich zu öffnen und zu erzählen. Vielleicht auszusprechen, was einen seit Jahren bedrückte. Einfach zu erzählen, wie dieser letzte Lebensübergang erlebt wurde.
Mit mehr oder weniger Worten berichteten die Anwesenden von ihren persönlichen Erfahrungen mit Sterben und Tod. Die bewegenden Erlebnisse zeigten, dass Menschen zu unterschiedlichen Lebenszeiten und auf verschiedene Weise mit dem Lebensende konfrontiert werden und wie das ihr Leben prägt. Wie schmerzliche Erlebnisse mit den Jahren ihren Platz im Leben fanden. Wo das Sterben wie selbstverständlich in den Alltag eingebunden war, hatte dies auch etwas Tröstliches.
Die individuellen Geschichten über Sterben und Tod, diese grossen Unbekannten, nahm diesen den Schrecken und motivierten dazu, in der Gesellschaft wieder einen natürlicheren Umgang mit dem Lebensende zu finden. Eine Teilnehmerin sprach aus, was wohl viele fühlten: «In diesem Rahmen konnte ich nach Jahren erstmals über das Erlebte sprechen. Es hat gutgetan. Danke.»
Nach anderthalb Stunden schlossen Rosmarie Brunner und Maru Stocker den offiziellen Teil. Sie luden die Gäste ein, bei Café und Kuchen Gegenfragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen, was zu einem regen Austausch führte.
Eindrücke und Faszit
Dazu drei Fragen an Rosmarie Brunner und Maru Stocker:
Maru, du hast am Eröffnungsabend des Festivals «Hallo Tod» teilgenommen. Wie hast du diesen erlebt?
Maru: Es war total gut und spannend; das Alte Krematorium war berstend voll, die Begrüssung durch die Kulturbande erfrischend und authentisch, ein Uniprof beleuchtete kritisch unser gesellschaftliches Verdrängen des Todes, eine Frau sprach berührend über ihre SterbeGespräche mit Kindern, und zwei Klangkünstlerinnen boten zum Schluss ein eindringliches Erlebnis mit Poesie und elektronischer Musik - ein vielfältiger, nahegehender Auftakt!
Wie hast du Rosmarie das Festival erlebt?
Rosmarie: Ich finde es super, dass die Kulturbande dieses Thema zmitts in die Stadt, zmitts ins Leben, zmitts in den Alltag holt und zwar in allen Facetten und mit einem Augenzwinkern, das manchmal auch eine Träne wegbefördert….
Was ist euer Fazit? Hat sich der Aufwand gelohnt?
Rosmarie und Maru: Es hat sich sehr gelohnt! Einerseits als «Probelauf» für das Café Mortel, andererseits als «Werbung» für die GrossmütterRevolution und auch, weil wir es an sich wertvoll finden, dass Erfahrungen mit Tod/Sterben zur Sprache kommen. Schade einzig, dass die Aktion mit der Trost- und Trauerbank buchstäblich ins Wasser gefallen ist. Die Organisation verspricht aber ein Nachholen. Sie bleiben dran.»
*Der Verein Kulturbande Zürich fungiert als Netzwerk aus Zürcher Kunst-/(Sozio) Kulturschaffenden, das den gesellschaftlichen Wandel erforscht, ihn verstehen und fördern will.
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