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Wohnen im Alter

Wohnen im Alter

Viele Menschen entwickeln mit den Jahren ihre Vorstellung, wie sie im Alter wohnen möchten. Auch Fachorganisationen und Gemeinden setzen sich für altersgerechtes Wohnen ein. Doch die Bedürfnisse der Menschen sind individuell und unterschiedlich. Manche wünschen sich, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, finden jedoch keine Möglichkeit in der Nähe zu gleichem Preis. Andere möchten ihr geliebtes Wohnumfeld nicht aufgeben, solange sie gesund sind und selbständig wohnen können.
Marianne Stohler, Monika Fischer und Barbara Bischoff berichten von ihren Erfahrungen mit dem Zügeln, dem Umzug in eine fremde Umgebung und von den Schwierigkeiten, eine angemessene Wohnung zu finden.

(Fortsetzung)

Nun ist es beschlossen: Wir zügeln.
Marianne Stohler
Was nun so einfach da steht, war und ist ein langer Prozess. Es ist ein Abschied auf Raten. Uns beiden ist das alte Wohnhaus des ehemaligen Bauernhauses mit dem grossen Garten ans Herz gewachsen. Wie viele Stunden hat mein Mann darin gearbeitet. Mit welcher Freude schauten wir uns die vielen farbigen Blumen, die nistenden Vögel im Meisen-Kasten und den Teich mit den Libellen und den Seerosen an. Wie schön war es, die eigenen Tomaten, Himbeeren und Johannisbeeren zu pflücken.
Nach der schweren Erkrankung meines Mannes wurde der Plan, später in unsere vermietete Eigentumswohnung zu ziehen, plötzlich aktuell. Es war ein schwieriger Entschluss, und trotzdem waren wir uns einig. Zwar hat sich mein Mann recht gut erholt, aber wir wollen nicht riskieren, dass wir dann plötzlich ohne Vorbereitung und ohne die Möglichkeit, uns Zeit zu lassen und in Ruhe alles zu planen, umziehen müssen.
Wenn ich nun die steilen Treppen in den ersten Stock und in die Waschküche zum xten Male hinauf- und hinunter springe, bin ich langsam froh, dass das in Zukunft leichter sein wird. Wenn wir dann abends im Garten sitzen, den Tauben, die ihre Runden drehen und den Milan wieder am Himmel kreisen sehen, dann schleicht sich die Traurigkeit ein.
Trotzdem. Wir sind sehr dankbar für die Jahre, die wir hier als Mieter verbringen durften. Wir sind uns bewusst, in welch privilegierter Situation wir sind. Wir müssen nicht versuchen, eine kleinere günstige Wohnung zu suchen, sondern konnten uns vor Jahren eine solche kaufen. Wir können am gleichen Ort wohnen bleiben, wechseln nur die Strasse. Wir ziehen in eine altersgerechte Wohnung in einem altersgemischten Haus.
Was bei aller Privilegiertheit bleibt, ist das Abschied nehmen. Nicht nur vom alten Wohnort, sondern auch von vielen anderen Dingen. Dieses Abschiednehmen ist die grosse Herausforderung nicht nur des Umzugs, sondern des Alterns überhaupt. Langsam schwinden die Kräfte, wird vieles mühsam, das früher mit links erledigt wurde. Ich spüre, dass Wanderungen viel schneller ermüden, dass meine Energien beschränkt sind.
Manchmal, im Laufe des Aussortierens und Weggebens kommt es zu Erinnerungen an alte Zeiten. Ich nehme Briefe in die Hand, die einst so wichtig waren und jetzt ihre Bedeutung verloren haben. Ich betrachte Gegenstände, die vor Jahren einen Teil meines Lebens ausmachten. Die kleine bastumwobene Kokosschale aus Indonesien, der schöne getöpferte Krug aus der südlichen Provence. Stationen in meinem Leben. Ein paar dieser Schätze werden mich ins neue Heim begleiten, andere muss ich zurücklassen.
Ich bin dran, mich zu verabschieden.

Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen ?
Monika Fischer
Seit Jahrzehnten befasse ich mich mit dem Thema des Wohnens im Alter. 2005 begannen wir in der Genossenschaft WIA (Wohnen im Alter) in meiner damaligen Wohngemeinde Reiden mit dem Aufbau von Alterswohnungen mit Dienstleistungen. Die 2 ½- und 3 ½-Zimmer-Wohnungen haben sich bis heute bestens bewährt. Zu den ersten beiden sind sogar vor kurzem zwei weitere Wohnhäuser mit nochmals 28 altersgerechten Wohnungen und einem Gemeinschaftsraum dazugekommen. www.wia-reiden.ch
Als altersgerecht gelten barrierefreie Wohnungen mit Lift, in der Nähe von Einkaufsläden und öV in einem sicheren Quartier, wo man wenn möglich bis zum Lebensende wohnen kann.
So hatten wir uns nach der Pensionierung meines Mannes eine Wohnung in der Stadt in der Nähe kultureller Angebote vorgestellt. Früher als geplant fanden wir in der Zeitung unsere Traumwohnung: Eine Gartenwohnung mit Sicht in die Berge unterhalb eines Waldes in Gehdistanz zu Bahnhof und KKL. Mit Schrecken stellten wir fest, dass sie nur über eine Treppe mit 22 Stufen erreichbar und bedingt rollstuhlgängig ist. Die traumhafte Lage überwog unsere Bedenken. Zudem mussten wir angesichts der begehrten Wohnlage rasch zusagen - und haben es bis heute nicht bereut. Dies im Wissen, im hohen Alter wahrscheinlich nochmals zügeln zu müssen.
Der Umzug aus dem grossen Familien- und Geschäftshaus mit den 14 Zimmern war enorm anstrengend. Doch haben wir es geschafft. Wir schätzen es, ebenerdig zu wohnen und geniessen den Garten als weiteres Wohnzimmer.
Da der um acht Jahre jüngere Mann die ersten Jahre noch voll berufstätig war, pendelte und nach strengen Arbeitstagen in der Nähe des Arbeitsortes bei einem Sohn übernachtete, war ich oft allein. Ich vermisste das Dorf, wo ich die meisten Menschen kannte. Zwar hatten wir uns gewünscht, anonymer zu wohnen, und doch fühlte ich mich oft einsam. «Einen alten Baum sollte man nicht verpflanzen.» Ich dachte an dieses Sprichwort und fragte mich, ob wir einen Fehler gemacht hatten. Doch was ist alt?
Auf der Suche nach Kontakt engagierte ich mich im Begegnungstreff «Hello Welcome», im Migrationsverein und wurde zur Mitarbeit in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus angefragt. Nach und nach lebte ich mich am neuen Wohnort ein.
Auch die Bedenken angesichts der Wohnlage am Hang und der nicht altersgerechten Wohnung haben sich längst zerstreut. Seitdem ich regelmässig zu Fuss den Weg in die Stadt hinunter- und hinaufsteige, bin ich viel fitter.
Die Auseinandersetzung mit dem Alter und die Planung der persönlichen Lebensphase Alter und allen damit verbundenen Eventualitäten sind zwar wichtig. Doch sind die Bedürfnisse unterschiedlich, die Entwicklung ist nicht voraussehbar. Wer sich zu sehr ans Sicherheitsdenken klammert, kann das Leben auch verpassen. So habe ich mich entschieden, wieder im Jetzt zu leben und in das zu vertrauen, was für mich persönlich stimmt.
Ich geniesse unsere Wohnung mit den wunderbaren Spazier- und Wanderwegen sowie die Nähe zur Stadt mit den vielfältigen kulturellen Angeboten.
Dabei wird mir bewusst: Es ist die Bewegung, die aktiv und jung erhält.

Wenn die Alternativen fehlen
Barbara Bischoff
Meine Verwandte, 97 Jahre alt, lebt noch alleine und ist nicht auf Hilfe angewiesen. Sie hat in ihrer gemieteten Wohnung mit ihrem Mann und vier Kindern gelebt. Die Wohnung befindet sich im dritten Stock eines Hauses aus den fünfziger Jahren. Obwohl die Wohnung über 4 Zimmer verfügt, ist sie nur ca. 90 m² gross. Für sie ist diese nun zu gross, sie braucht nicht mehr alle Zimmer. Gerne wäre sie auch in eine kleinere Parterrewohnung oder in ein Haus mit Lift umgezogen. Ihre Wohngegend wurde zunehmend beliebter und neue, grössere und teurere Wohnungen wurden gebaut.
Da sie nicht aus dem Quartier wegziehen möchte, weil sie da verwurzelt ist, findet sie keine passendere Bleibe. In einer neueren, kleineren Wohnung müsste sie gut Fr. 600.-/Monat mehr Miete bezahlen. Das kann sie sich nicht leisten.
Oft wird gesagt, dass alte Menschen in grossen Wohnungen leben, die eigentlich Familien beanspruchen könnten. Das trifft sicher zu, auch weil sie meistens sehr günstig sind, besonders wenn es sich um einen Altbau handelt. Es wird aber vergessen, dass z.B. das Eigenheim abbezahlt ist und somit keine finanzielle Belastung mehr bedeutet. Zudem sind die Ansprüche an eine Wohnung gestiegen. Es sind nur noch wenige Familien mit zwei oder mehr Kindern, die sich mit einer älteren, 90 m² Wohnung zufriedengeben würden.

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