Es war an meinem 69. Geburtstag. In der westukrainischen Stadt Uschgorod sass ich am Tisch mit unseren Projektpartnerinnen und eröffnete die Budgetsitzung. Ich bezeichnete es als Privileg, auch im Seniorenalter meine Träume realisieren und das Reisen mit sinnvoller Projektarbeit verbinden zu können. Auf meine Frage an die jungen Frauen, ob dasselbe für eine ukrainische Frau in meinem Alter vorstellbar sei, schüttelten sie den Kopf.
Ihre Mütter und Grossmütter gehen einer Arbeit nach; sie besorgen den Garten zur Selbstversorgung oder hüten Enkelkinder, damit die jungen Eltern arbeiten können. Auf dem Lande führen sie ihre Kuh oder ein paar Ziegen am Strassenrand auf die Weide. Oder sie suchen Pilze und Beeren im Walde und verkaufen sie auf dem Markt.
Andere Bilder tauchen vor mir auf: Unsere pensionierte Freundin Nina lief mit uns in Kiew eine halbe Stunde zu Fuss durch die Stadt, um ein möglichst günstiges Brot zu kaufen. Als wir bei ihrer Stadtführung einen Kaffee trinken wollten, wehrte sie ab mit dem Worten, das sei viel zu teuer.
Bei einer Projektreise in Indien besuchten wir unter anderem eine Frauengruppe von Prostituierten. Nie werde ich die Gesichter der abgehärmten ausdruckslosen Gesichter der älteren Frauen vergessen. Ich konnte es nicht fassen: Diese Frauen sollten Prostituierte sein! Je älter, desto günstiger, wurde ich aufgeklärt. Es sei oft die einzige Möglichkeit, sich durch dieses Geschäft, das die Frauen oft in einer Ecke oder hinter ihrem Haus verrichteten, ein Einkommen zu verschaffen. Gottlob konnten wir ihnen durch unser Projekt «von Frauen für Frauen» eine Alternative bieten.
Eingeprägt haben sich mir ebenfalls die Bilder in tansanischen Dörfern, wo Aids die ganze mittlere Generation hinweggerafft hatte. Es waren die Grosseltern, meist die Grossmuütter, die sich um ihre Enkelkinder kümmerten – oder umgekehrt. Oft waren es Kinder im Primarschulealter, die ihre kranken Grosseltern pflegten und betreuten.
Oder ich denke an all jene Menschen aller Altersstufen, die zurzeit weltweit auf der Flucht sind. Alte Menschen kommen vielfach nicht mehr mit und werden zurückgelassen.
Ich bin mir wohl bewusst: Auch hier, in unserer sicheren und wohlhabenden Schweiz, sind im Alter nicht alle Menschen gleichgestellt. So weist die Studie der GrossmütterRevolution «Das vierte Lebensalter ist weiblich» auf die benachteiligte Situation vor allem der alten Frauen in in unserem Lande hin und setzt sich für Verbesserungen ein.
Trotzdem bin ich überzeugt: Es ist ein Privileg, in der Schweiz alt zu werden.
© Monika Fischer
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