«Beim andern Grossmami dürfen wir viel länger fernsehen.» - «Beim Omi bekommen wir viel mehr Süsses als bei dir.» Häufig konfrontierten mich meine Enkelinnen eine Zeit lang mit solchen und ähnlichen Aussagen.
«Bei uns machen wir es halt anders», antwortete ich ihnen jeweils standhaft. Und doch nagten die Sätze der Kinder in mir. Manchmal war ich versucht, ihrem Drängen nachzugeben. Gefiel es ihnen besser bei den andern Grosseltern? Ich wollte doch, dass sie sich bei uns wohlfühlten. War ich gar eifersüchtig?
Ich kannte und schätzte die andern Grossmütter. Sie hatten einen anderen Lebenshintergrund und lebten in einem anderen Umfeld. Nein, ich wollte mit ihnen nicht um die Liebe meiner Enkelkinder konkurrenzieren.
Ist es nicht ein Reichtum für die Kinder, unterschiedliche Lebenswelten und Einstellungen kennen zu lernen? Zudem merkte ich bald, wie gut es war, dass noch andere Grosseltern da waren, um die Eltern zu entlasten. Ohnehin hörten die Vergleiche nach einiger Zeit auf. Die Kinder hatten sich wohl an die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lebensweisen gewöhnt.
Ich nahm mir vor, die anderen Grossmütter einmal zu einem gemütlichen Austausch einzuladen. - Es sollte nicht mehr dazu kommen. Ausgerechnet die jüngste von ihnen starb früh. Ein Frauenpaar aus der Nachbarschaft hatte ihr kurz vor ihrem Tod versprochen, die Grossmutterrolle für die kleine Enkelin zu übernehmen.
Nun wollte ich meinen Plan nicht mehr länger hinauszögern. Zu meinem letzten Geburtstag lud ich neben der Familie auch die andern Grosseltern der Kinder ein. Beim Apéro gab ich meiner Freude über unsere gemeinsamen Enkelkinder Ausdruck und erzählte von meinem immer wieder hinausgeschobenen Plan eines Grossmüttertreffens. Bei der Erwähnung ihrer verstorbenen Mutter füllten sich die Augen meiner Schwiegertochter, deren Vater schon früher gestorben war, mit Tränen. Die beiden «Ersatzgrossmütter» stellten sich spontan rechts und links an ihre Seite und legten ihr tröstend die Hand auf die Schulter.
Einmal mehr spürte ich: Wie gut ist es doch, dass es auch die anderen Grossmütter gibt.
© Monika Fischer
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