Schnell ein paar Blumen im Garten holen, ein Brot kaufen, ein Paket zur Post bringen…
Das alles kann ich an meinem Groma-Hütetag vergessen!
Seitdem ich mit der zweijährigen Luisa häufig zu Fuss unterwegs bin, dauern die Gänge zehnmal so lang wie üblich. Mit beiden Händen greift die Kleine in den Kies vor dem Haus und lässt die Steine langsam durch die Finger gleiten. Sie streichelt die Blumen am Wegrand und bückt sich, um einen krabbelnden Käfer oder eine Schnecke zu beobachten. Fasziniert schaut sie zu, wie der Wasserstrahl am Brunnen Blasen wirft und schwenkt ihre Hände im Wasser. An keinem Mäuerchen kommen wir vorbei, ohne dass sie hinauf klettern möchte. Sie balanciert an meiner Hand und springt nach dem Signal «eins, zwei, drei» in meine ausgestreckten Arme.
«Was esch das?», fragt sie und streichelt sanft über ein Moospolster.
«Worom höpft de Vogel im Gras?»
«Worom lütid d’Cheleglogge?»
Worom, worom… die Warum-Fragen wollen oft kein Ende nehmen.
Luisa hat nicht nur ein Auge für Hunde und andere Tiere, sondern findet auch meistens einen Stecken, einen Tannzapfen oder einen Stein und möchte ihre Fundstücke unbedingt mitnehmen.
Erstaunlich schnell hat sie kapiert, dass es beim Einkaufen trotz allem Betteln keine Süssigkeiten gibt, jedoch hie und da ein Weggli. Strahlend streckt sie in der Metzgerei die Hand nach dem ersehnten Wursträdchen aus.
Da sie mit ihren Eltern abseits von Lärm und Verkehr an einem Waldrand wohnt, winkte sie anfänglich jedem vorbeifahrenden Auto, Lastwagen und Töff. Seitdem ich sie darauf hingewiesen habe, sie dürfe den Fussgängerstreifen nur betreten, wenn ein Auto hält, bleibt sie auch dann, wenn weit und breit kein Fahrzeug zu sehen ist, solange stehen, bis ein Auto kommt und stoppt.
Gebannt schauen wir zu, wie auf einer Baustelle ein mehr als hundertjähriges Haus abgerissen wird. Die Schaufel des Baggers frisst sich durch die Mauern, sodass diese krachend in einer grossen Staubwolke zusammenfallen. Mit dem Riesenarm werden Holz und Alteisen herausgerissen und zur Entsorgung auf Lastwagen geladen. – Wenig später steht ein riesiger Kran in der Baugrube. Woche für Woche verfolgen wir gemeinsam den Bau eines neuen Wohnblocks.
Oft spazieren wir zum kleinen Tierpark des nahen Alterszentrums. Wir lauschen dem Gesang der Vögel und stecken den Ziegen und Hasen frische Grashalme durchs Drahtgitter. «Jungi Schwän ond Äntli», singt Luisa beim Ententeich. Die alte Frau mit dem Rollator stimmt ein. Wir setzen uns auf eine Bank und singen gemeinsam vertraute Kinderlieder.
Im Zusammensein mit Luisa und den anderen Enkelinnen hat die Zeit für mich eine andere Bedeutung; oft scheint sie still zu stehen. Die Anpassung an die kleinen Schritte engt das Lebensumfeld ein und schärft den Blick für nahe, unscheinbare Dinge.
Mein Leben ist an den Grossmutter-Hütetagen zwar langsamer, gleichzeitig bunter und reicher geworden. Eine Vorbereitung auf jene Zeit in der meine eigenen Schritte kleiner, mein persönliches Lebensumfeld eingeschränkter sein werden?
© Monika Fischer
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