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Geschlechtergerechte Geschenke?

Die Tochter hatte sich zu Weihnachten für ihren Sohn ein Kinderservice gewünscht. Der zweijährige Enkel liebte es, auf dem Kinderkochherd imaginäre Speisen zuzubereiten.

Rechtzeitig machte ich mich auf die Suche nach dem gewünschten Geschenk. Ich klapperte das einzige in der Stadt verbliebene Spielwarengeschäft und sämtliche Abteilungen der Warenhäuser ab. Dabei fand ich wunderschöne Köfferchen mit sauber eingereihten Tellern und Tassen. «Für kleine Mädchen» oder «Für unsere Prinzessin» stand auf der Verpackung der meist in Rosatönen gehaltenen Köfferchen. Eines davon hatte ich vor Jahren einer Enkelin geschenkt.

Für einen Buben jedoch fand ich nichts Passendes. So entschied ich mich, selber einen kleinen Koffer mit Plastikgeschirr und -besteck zu füllen. Ich fand ein einziges Exemplar, das in meinen Augen auch zu einem kleinen Buben passte. Doch konnte ich es nicht unterlassen, neben den Küchenutensilien auch zwei kleine Spielzeugautos einzupacken.

Am Weihnachtsfest beachtete der Kleine die Teller, Becher und das Besteck überhaupt nicht. Begeistert brummend kurvte er jedoch mit den zwei kleinen Autos am Boden herum.

Zwei Tage später erhielt ich ein Video meiner Tochter. Ihr Sohn hatte den Spieltisch gedeckt und seinen Vater zum Essen eingeladen. Geschickt hantierte er mit Pfannen und Löffeln und schöpfte das Essen in die Teller. Vergnügt genossen die beiden die verschiedenen Speisen.

Diese Erfahrung stimmte mich im doppelten Sinne nachdenklich. Was

führt die Spielzeughersteller dazu, Spielsachen auch heute noch bestimmten Rollen zuzuordnen? Warum richten sich Haushaltgegenstände vorwiegend an kleine Mädchen? Immerhin haben unsere beiden Enkel und die sieben Enkelinnen andere Vorbilder: Väter, die abwechselnd mit ihren Müttern in der Küche stehen, kochen, aufräumen und abwaschen. Nachdenklich machte mich aber auch meine anfängliche Mühe, dem kleinen Enkel Kochgeschirr zu schenken. Sind es möglicherweise neben der Gesellschaft auch wir Grosseltern, die unsere traditionelle Rolle verinnerlicht haben und unbewusst an Kinder und Enkelkinder weitergeben?

Text als PDF (132 KB)

© 2018 Monika Fischer

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